Die Höllenstrafe der Frömmler
C Carl Streckfuß
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Altın Yaprak
Wir gingen schweigend hin an dunkler Mauer,
Gedankenvoll – da rief mein Führer: Halt!
Und mich ergriff ein ungewohnter Schauer.
Denn von des Abgrunds Seit’ aus einem Spalt
Blies Wind, jetzt, wie geschmolznen Erzes Dämpfe,
Jetzt, wie der Hauch des Eisthals, schaurigkalt.
„Entsetzen“, sprach Virgil, „und Staunen dämpfe!
Du mußt hinab durch diesen finstern Schacht,
Zum Anschaun neuer härtrer Qualen-Kämpfe.
Dort unten, mehr als hier, herrscht schwarze Nacht;
Die Frömmler sind es, die im Grunde hausen,
Die betend, singend, seufzend, Gott verlacht.
Nur Felsen-Brücken sind ob andren Klausen,
Hier deckt ein Felsendach die ganze Schlucht,
Verengt, verdunkelt sie zu tieferm Grausen.
Sie, die sich dort, vor Uebermuth verrucht,
Gerühmt, daß Blick nur gen Himmel flöge,
Bedrängt hier nah der Kerkerdecke Wucht.
Doch weil hier Nacht nicht minder dich betröge,
Als dort, wo sie verhüllt ihr Thun und Seyn,
Und dir ihr wahres, echtes Bild entzöge,
Will ich zum Schauen erst dein Auge weihn,
Kraft jener Kraft, die mir der Herr gegeben,
Die Jene lästern mit verrücktem Schrein.“
Den Meister sah ich nun die Rechte heben,
Womit er mir die Augenlieder strich,
Und meine Sehkraft fühlt’ ich neu beleben,
Drob milder Dämmerung das Dunkel wich.
Dann sah ich ihn zur Felsenöffnung schreiten,
In die er einstieg und nach ihm auch ich.
Eng, senkrecht war der Schacht, von beiden Seiten
Sprang Zack’ um Zack’ aus grauer Felsenwand,
Beim Klimmen uns die Stiegen zu bereiten.
Wenn links mein Fuß auf einer Zacke stand,
Streckt’ ich den andern rechts zur andern nieder,
Und hielt mich oben fest mit Hand und Hand.
Da hallt’ ein Tosen in dem Schachte wieder,
Als ob bei mir vorbei ein Körper fiel,
Von Fels zu Fels zerschmetternd alle Glieder.
Und, wie nach unten sprechend, rief Virgil:
„Du rühmtest deinen Weg den einzig wahren,
Sieh deinen wahren Weg itzt, sieh dein Ziel.“
Doch klomm ich weiter, und wir Beide waren
Bald bis zur Tiefe hin, zu einem Thor,
Das zu dem Strafort führt’, hinabgefahren.
Dort traten wir in ein Gewölbe vor,
Dem Kreuzgang eines Klosters zu vergleichen,
Und kalt und heiß blies Windzug, wie zuvor.
Da sahen wir herbei viel Leute schleichen;
Jung war gemischt und Alt in dieser Schaar,
Frau’n mit den Männern, Arme mit den Reichen.
trug den Doktorhut, den Talar,
Das Schurzfell , den Soldaten-Koller,
schien ein Richter, Jener ein Notar.
schnitt Gesichter, krampfhaft, wie ein Toller,
Zu Pauli Himmel hin schien verzückt,
ging mit Seufzen hin, als Kummervoller,
Und demüthig blickend, tiefgebückt,
predigt’, und in seltsamen Geberden
War blinder, wüth’ger Eifer ausgedrückt,
Doch wollte mir nicht klar die Rede werden;
wackelt’ unaufhörlich mit dem Mund –
So zogen sie daher in ganzen Heerden.
So weit ich sah, war voll der ganze Schlund;
Noch Andre schien die Krümmung zu verhehlen,
Denn dieser Ort war, wie die andern, rund.
Ich fragte: „Herr, sind dies der Frömmler Seelen?
Noch seh’ ich wenig Quaal!“ – Und Er begann:
„Nein, die du siehst, sind Teufel, die sie quälen.
Sie nehmen die Gestalt des Sünders an
Mit Sprach’ und Art und Angesicht und Mienen,
Daß er sich, wie er war, erschauen kann.
Sehn nun die Sünder, wie sie dort erschienen,
Und fühlen sie dann, was sie wirklich sind,
So haben sie den Lohn, den sie verdienen.
Noch denkst Du still: Wie kalt und heiß der Wind
Hier blasen mag, wie in getrennten Schichten,
Da Kalt und Heiß zum Lauen sonst zerrinnt?
Dies will ich ungefragt dir noch berichten.
Der Frömmler Herz war dort ein Klumpen Eis,
Doch heiß zu scheinen war ihr ganzes Dichten.
So war ihr Innres kalt, ihr Aeußres heiß,
Sich gegenseits nicht wärmend und nicht kühlend,
Und also sind sie noch in diesem Kreis.
Hier liegen sie, wie dort, im Kothe wühlend,
Mit kurzem Blick, durcheis’t vom Herzen aus,
Und doch dazu rastlose Gluthen fühlend.
Aus Grund und Seit’ und Decke zückt’s heraus
Auf sie, wie Blitz, und kann das Eis nicht schmelzen,
Und nimmer kühlt das Eis der Flamme Graus.“
„Was konnt’ auf sie so schwere Strafe wälzen?“
So fragt’ ich bangend meinen Herrn, und sah
Dabei die Flammen sprühn aus grauem Felsen.
Mein Meister drauf: „Die Antwort ist dir nah,
Du sollst sie von den Sündern selbst erhalten;
Merk’ auf den Teufel hier, den Schatten da.“
Ein Kriegesmann stand dort – die Lippen lallten,
Zur Höhe sah er, wie in Glaubensbrunst,
Dabei die Hände demuthsvoll gefalten.
Da schrie’s von unten: „Bild von falschem Dunst,
Du Ungeheu’r, mein Ich! die Augen drehtest
Du oben so! Buhlst du auch hier um Gunst?
Dein frommer Obrer glaubte dort, du betest
Für deiner Seele Heil, indeß, erpicht
Auf Förderung, du Saat des Mammons sätest.
Gefördert wirst du hier nun weiter nicht,
Bis zu der himmlischen Posaune Klange,
Wenn Schlimmeres dir droht beim Weltgericht!“
Hier brach die Stimm’ in heft’gen Eifers Drange;
Der nackte Geist sah wild empor zu mir,
Und wand sich gleich der steingetroffnen Schlange.
Nicht weit von dort stand in des Ritters Zier
Ein Mann, mit altem starkem Rost am Degen,
Auch schienen Helm und Panzer von Papier.
Den sah ich Luft mit beiden Armen sägen,
Den Mund zu wildem unverstandnem Wort,
Und heftig auf und ab den Leib bewegen.
„Was spricht er“? fragt’ ich; – drauf mein edler Hort:
„Der Name, den er schändend dort erhoben,
Erschallen darf er nie an diesem Ort.
Drum brüllt er leeren Schall mit wüstem Toben.
Doch du verstehst die Rede hier so gut,
Als die verblüfften Hörer einst dort oben.“
Da schrie’s von unten her in wilder Wuth:
„Willst du auch hier im Brüllen nicht ermatten?
Gnügt’s nicht, was dort dein Frevel auf mich lud?
Trennst du auch hier die Gattin von dem Gatten
In Sektenhaß? den Vater von dem Sohn?
Willst du noch herrschen über leere Schatten?
Machst du noch hier mit frevelhaftem Hohn
Den treusten Freund des Alls zu Aller Feinde?
Willst du auch hier noch mit der Hölle drohn?
Hier giebt es keine gläubige Gemeinde,
Die dein Gebrüll mit dem, was sie geglaubt,
Mit ihrem Hirten und sich selbst verfeinde.
Den Wahnsinn treibst du hier in Niemands Haupt,
Zum Selbstmord wirst du Keinen mehr entzünden;
Denn was man rauben konnt’, ist längst geraubt.“
Da schaudert’ ich in meines Herzens Gründen,
Und sah aufs Neue, daß der Herr, gerecht,
Der Strafe Maaß abmesse nach den Sünden.
Sieh, mit geschorner Glatz’ ein frommer Knecht
Stand dort mit Salbung und erlogner Würde,
Gerüstet, schien’s, zu geistlichem Gefecht.
Da schrie’s von unten: „Rufst du zu der Hürde
Noch immer die geschornen Schäflein her?
Wie? drückt dich nicht bereits der Wolle Bürde,
Die dir Betrug verschaffte, viel zu schwer?
Was willst du noch? Hier giebt es nicht Erweckte,
Auch Pfarrherrn zu verketzern giebt’s nicht mehr.
Hier wirst du nicht der Stifter einer Sekte,
Wie dort, wo für verfälschtes Gnadenbrot
Der Gläub’gen echter Braten trefflich schmeckte.“
Da scholl’s von oben, wie wenn sich in Noth
Zwei Frevler höhnen, gräßliches Gelächter,
Und gleiches scholl von unten aus dem Koth.
Und weiterhin stand, wie ein Zionswächter,
Ein Mann im Doktorhut, das Haar zerzaust,
Hochmüthig, keck, als aller Welt Verächter.
Er hatt’ ein Fernrohr in der rechten Faust,
Die linke hielt das Tonwerkzeug umfangen,
Das vor dem Zug der Reiterschaaren braust.
Da sprach Vergil zum Geist, der wuthbefangen
Am Boden lag: „Jetzt ohne Höllenwitz
Verkünde klar und schlicht, was du begangen.
Belehrt soll Dieser seyn, drum ist vom Sitz
Des Herrschers her die Rede dir befohlen.“
Da zückt’ es durch den Sünder wie ein Blitz.
Die Augen glühten wild, wie rothe Kohlen,
Durchs Dunkel her, doch langsam, nach und nach,
Schien er von Schreck und Wuth sich zu erholen,
Und hob etwas das Haupt empor und sprach,
Jedoch mit schmerzenvollen, dumpfen Worten,
Indem er oft sich stöhnend unterbrach:
„Ich war bestellt zum Jugendlehrer dorten,
Im heitern Licht, der heil’gen Wissenschaft,
Die euch erschließen soll des Himmels Pforten.
Da meint’ ich, wenn ich mit des Glaubens Kraft
Und treuem Forschen nur das Werk betriebe,
Sey Ruhm und Vortheil karg und zweifelhaft.
Drum bannt’ ich erst die Demuth und die Liebe,
Und rief zur Hülfe Stolz und Haß herbei,
Daß meinem Streben keine Schranke bliebe.
Dann setzt ich mir aus Wahn und Heuchelei
Und heil’ger Wahrheit ein Gebäu zusammen,
Und schwor, daß dies der einz’ge Leuchtthurm sey.
Dort stand ich nun und lugt’, um zu verdammen,
Und was ein Andrer anders sprach und that,
Warf mit Drommetenstoß ich in die Flammen,
Gleichviel, ob’s Einer war, ob Kirch’ und Staat;
Vom Teufel, rief ich, seyen sie verleitet,
Der mir persönlich stets entgegen trat.
Sie, die euch dort zum Licht des Glaubens leitet,
Weil sie der Einsicht Grenze wohl gewahrt,
Und also selbst zum Höchsten vorbereitet,
So das geschriebne Wort euch offenbart,
Die deshalb von des ew’gen Geistes Hauchen
Nur dem, was ewig lebt, zu Theile ward –
Und müßt’ ich meine Zung’ in Flammen tauchen,
Ich nenne sie – das Gottgeschenk
Verdammt’ ich streng, sammt Allen, die sie brauchen.
Und immer hieß für mich und meine Zunft,
Ihr zu entsagen, erste Glaubens-Tugend,
Befördernd goldner Zeiten Wiederkunft.
Mit solchen Lehren speist’ ich meine Jugend,
Zur Kett’ in meinen Händen Glied und Glied
Mit großer Schlauheit aneinanderfugend.
Wenn Einer nun, wie Ich, die Kette zieht,
Wenn ihre Glieder ganz ihm angehören,
Leicht ist wohl einzusehn, was dann geschieht.
So weit sie reicht, verblüffen und bethören,
Anhäkeln neue Glieder, klug und dumm,
Die Eintracht und die Ordnung boshaft stören,
Auf allen Wegen schleichen, grad und krumm,
Zur Höh sich wie Schmarozer-Pflanzen ranken,
Laut schreiend, wenn es gilt, dann wieder stumm;
Dies unser Thun – dort werden die Gedanken
Der Andern scharf mit unserm Salz durchlaugt
So lange, bis Vertraun und Liebe wanken,
Wo nichts ist, aus den Fingern Gift gesaugt
Und klug verspritzt, weil unter unserm Zeichen
Zum vollen Siege jedes Mittel taugt.
Und wenn wir nicht mit Mitteln reichen,
Dann brauchen wir zu Gottes Preis den Stahl,
Als Schwert und Dolch, zu grad’ und schiefen Streichen.
Wird erst dreihundert neun und vierzig Mal
Zum Haus des Wassermanns die Sonne kehren,
Dann wird sich, was wir sind, in Englands Quaal
Den Fürsten und den Völkern klar bewähren,
Und, macht’ Erfahrung je die Menschen klug,
Dies gnügt’, um alle Zeiten zu belehren.
Doch werden wir so nach wie vor mit Trug
Zu ihrem Schaden alle umspinnen,
Die eigner Unverstand mit Blindheit schlug.“
Er schwieg – und ich versank in düstres Sinnen.
Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv
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