Die Pfeife

E Erich Mühsam
0 Altın Yaprak
Juni 1918 Wusch ich mich schon vor einem Jahr zum letztenmal mit Seife, so ward jetzt auch der Tabak gar. Schwarz gähnt das Maul der Pfeife. Ein kalter Ruch – Erinnerungswahn – entdünstet trüb dem Rachen. Die taubste Nuß, der hohlste Zahn kann nicht so traurig machen. Der Tabakbeutel schlaff und leer rutscht grämlich durch die Hände. Kein lustig blaues Wölkchen mehr belebt die kahlen Wände. Wo ist der Qualm, der mir im Raum die fade Luft gesäuert, der mich umwirkt mit süßem Traum, den Genius mir befeuert? Wo ist das braune Zauberkraut, das alle Grillen bannte? Verbraucht, verschmaucht, verraucht, verdaut – dahin ins Unbekannte! Da liegt er nun, der Pfeifenkopf, ein Anblick zum Erbarmen, und wartet, daß ihn jemand stopf. Es hilft dir nichts, dir Armen. So gings dem Vaterlande auch. Jetzt habt ihr die Erfahrung: Erst hochgepafft den dicken Rauch, und nachher fehlts an Nahrung. Die Seife schmolz dahin zu Schaum, jetzt wäscht man sich mit Speichel und raucht das Laub vom Lindenbaum mit kleingeriebener Eichel. Vertan, verpulvert, aufgezehrt, was unser war alltäglich. Lieb Vaterland, jetzt heißts: entbehrt! Der Rest ist arm und kläglich. Wieviele Tage, Wochen noch hält sich der Rest im Sacke? Schon sickert er durchs Hungerloch gleich meinem Rauchtabake. Was wird aus dir, lieb Vaterland? Des eignen Ruhms Attrappe, ein ausgeblasenes Ei im Sand, ein Siegesaar aus Pappe. Herausgesogen bis zum Grund der letzte Lebenstropfen. Ein leergebrannter Pfeifenschlund, und nichts mehr nachzustopfen.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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