Der Mönch und die Nonne

G Gustav Schwab
0 Altın Yaprak
Der Mönch und die Nonne Einst auf der Wartburg Abends frisch, Vor seinem braunen Eichentisch, Dem theuren Erbstück von der Mutter Saß bei der Arbeit Doktor Luther. Am deutschen Bibelbuch, dem lieben, Hatt’ er ein gutes Theil geschrieben: Er legte hin die Feder sein, Er schaute nach dem Gitterlein, An Berg und Thal, den Gotteswerken, Sich Auge, Herz und Hand zu stärken. Was trübt ihm seinen frommen Muth? Was treibt ihm nach der Stirn das Blut? Ja klärlich auf dem Berge drüben Sieht er sein Spiel den Argen üben. Da steht von Felsen aufgebaut, Er hat’s bis heut noch nicht geschaut, Ganz hell ein Mönch und eine Nonne, Die küssen sich bei’m Schein der Sonne. O schamlos greuliches Gebild! Ist’s nicht genug, daß frech und wild In den verschloss’nen Klostermauern Des Satans böse Lüste dauern, Darf er sie offen aller Welt Noch malen unter’s Himmelszelt? Der Doktor schauet nach den Feldern, Ob kein Entsetzen in den Wäldern, Ob nicht die Luft in Zornesflammen Ein schwarz Gewitter zieh zusammen? Doch in dem hellsten Sonnenstrahl Die Bäume rauschen allzumahl, Und in den wunderlichen Stein Schlingt Moos und Blume sich hinein. Ist das von Gott, kommt das vom Uebel? – Wie er noch sinnt, fällt auf die Bibel Ein lichter Abendsonnenstreif, Just auf ’nen Spruch, als goldner Reif. „Wie konnt’ ich – spricht er – lange sinnen! Antwort muß doch wohl seyn da drinnen. O gieb mir, du wahrhaftigs Buch, Aufschluß zu Segen oder Fluch!“ So lies’t er fort, wo er geblieben, Da steht’s im Sonnengold geschrieben: „Ein Bischof soll unsträflich rein, Soll Mann von Einem Weibe seyn!“ Da geht ihm auf ein helles Licht: Ach nein, das kommt vom Bösen nicht! Spricht Gottes Wort auch von den Dächern, Nicht blos in einsamen Gemächern, So darf’s in Felsen und Gestein Wohl auch klar ausgesprochen seyn. So hat er d’rauf gekämpft, gestritten, Und bald geführt in seine Hütten Trotz Papst und Teufel, keck und laut Aus einem Kloster sich die Braut. Seit öffnen sich die ernsten Pforten Der dunkeln Klöster aller Orten; Viel Schleier sind zurückgewallt, Manch eine liebliche Gestalt Steht betend wohl noch am Altare, Doch mit dem Brautschmuck in dem Haare; Ja Nonn’ und Mönch mit Steineshaupte, Weil Doktor Luther es erlaubte, Sie küssen sich auf diesen Tag, Geh’ schauen, wer es schauen mag; Ich hab’s gesehn im Abendschein, Die Berge blickten freundlich d’rein, Die Sonne hatt’ ihr Wohlgefallen: – Gott schenk’ so süßen Kuß uns Allen!

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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