Der Riese von Marbach

G Gustav Schwab
0 Altın Yaprak
Der Riese von Marbach. Seht ihr wie freundlich sich die Stadt Im Neckarfluß beschauet? Wie sie sich ihre Berge hat Mit Reben wohl bebauet? Dort, wie die alte Chronik spricht, Hat vor viel Jahren dumpf und dicht Ein Tannenwald gegrauet. Gelegen hat ein Riese drin, Ein furchtbar alter Heide, Er bracht’ in seinem wilden Sinn Das Schwert nicht in die Scheide, Er zog auf Mord und Raub hinaus, Und baute hier sein finst’res Haus Dem ganzen Gau zu Leide. Die Steine zu dem Riesenhaus, Ganz schwarz und unbehauen, Grub er sich mit den Händen aus, Fing eilig an zu bauen; Er warf sie auf die Erde nur, Daß einer auf den andern fuhr, Bis fertig war das Grauen. Es sey der Riese, sagt das Buch, Aus Asia gekommen, Ein Heidengötz’, ein alter Fluch, Zum Schrecken aller Frommen: Mars oder Bacchus sey das Wort, Davon Marbach, der Schreckensort, Den Namen angenommen. Die Steine längst verschwunden sind Der Wald ist ausgereutet, Ein Mährchen ward’s für Kindeskind, Das wenig mehr bedeutet; Doch horchet wohl auf meinen Sang, Der nicht umsonst mit seinem Klang Es jetzt zurück euch läutet. Denn ob des Schlosses Felsengrund Versunken ist in Schweigen, Wird man doch d’rauf zu dieser Stund’ Euch noch ein Hüttlein zeigen, Und keine sechszig Jahr’ es sind, Daß drin geboren ward ein Kind, Dem Wundergaben eigen. Von gutem Vater war’s ein Kind, Von einem frommen Weibe; Auf wuchs es und gedieh geschwind, Kein Riese zwar von Leibe: Von Geist ein Riese wundersam, Als ob der alte Heidenstamm Ein junges Reis noch treibe. Und als er groß gewachsen war, Da sang er wilden Muthes Von Räubern und von Mohren gar Viel Arg’s und wenig Gutes; Von Trug und Mord und Lügenspiel, Und von den Griechengöttern viel, Als wär’ er ihres Blutes. Auf einmal ward er stiller jetzt, Begann ein ernstes Dichten, Er las, in fremdes Land versetzt, Tiefsinnige Geschichten, Doch ward in des Gedankens Schooß Er noch des Heidenthums nicht los, Laut pries er’s in Gedichten. Im Geiste drauf in’s span’sche Land Hat er den Weg gefunden, Davon gesungen allerhand In gar großmächt’gen Kunden; Nur den geweihten Glaubensmuth, Des heißen Landes fromme Gluth Hatt’ er noch nicht empfunden . Da jauchzt’ ihm wohl die Menge zu Auf seinen irren Zügen, Er aber hatte keine Ruh’ Es mocht’ ihm nicht genügen, Es saß der edle Riesengeist, In sich gekehret als verwaist, Und seine Lieder schwiegen. Da plötzlich sieh! erhebt er sich Verklärt ganz und erneuet, Der alte, stolze Wahn entwich, Vom jungen Licht zerstreuet. Es zieht vor uns sein Wallenstein In’s Leben, in den Tod hinein, Daß es das Herz erfreuet. Es feiert die Friedländerin Ein göttlich Liebessterben, Maria wirft sich büßend hin, Den Himmel zu erwerben, Und hoch im ew’gen Glanze steht Die Frankenjungfrau fromm erhöht Bei allen Himmelserben. Und, ach, da kommt der freie Tell Mit seinen Eidgenossen: Ihm folgt der gute Sänger schnell, Er hat den Zug beschlossen, Er singt im Himmel fort und fort, Er denkt an dich, du Heimathsort, Aus dem die Riesen sprossen.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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