Morgenbegegnung

G Gustav Schwab
0 Altın Yaprak
Morgenbegegnung. Sie ist an mir vorbeigegangen, Mit flücht’gem Gruße, schnell und kalt, Kein Schimmer flog auf ihre Wangen, Kein Licht durchzückte die Gestalt. Wie anders haben meine Träume Mir sie noch diese Nacht gestellt! Da wandelte sie durch die Bäume, So ganz von Freundlichkeit erhellt; Und neigte sich zu süßem Grüßen Mit so getreuem Angesicht: Ich sah den Himmel sich erschließen, Ich zweifelte, ich schwankte nicht. Ich weiß nicht, wie es ist ergangen, Ich lag ihr in dem zarten Arm; Ich hielt das theure Kind umfangen, Fühlt’ all ihr Leben voll und warm. Mir duftete der Strauß entgegen, Der keusche Wächter ihrer Brust, Es war mir ihres Herzens Regen, All ihre Seele mir bewußt. So hielt der Traum mich still und lange Versenkt in ruhigen Genuß. Da endlich drückt’ er Wang’ an Wange Und schied mit einem sel’gen Kuß. Ich war erwacht, ich eilt’ ins Freie, Seltsam bewegt von Lieb’ und Wahn; Und, wie im Schlaf, so kam auf’s Neue Alsbald die Süße mir heran. Wie dacht’ ich meines Traumes wieder! Meint’, Alles wäre so geschehn; Ich schlug verschämt die Augen nieder, Und wagte kaum, sie anzusehn. Ich schielte bang nach meinem Glücke – Sie sah nicht auf, sie winkte kaum: Ach, diese Lippen, diese Blicke, Sie wissen nichts von meinem Traum! Geh’ denn, du armes Lied, und sage, Was ich ihr stets verschweigen muß! Erfleh’ von Ihr mit deiner Klage Nur einen holden Morgengruß! So wird der Traum mir zur Geschichte, Und tritt in’s wache Leben ein: Seh’ ich auf ihrem Angesichte Den kurzen, lieben Widerschein.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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