Träumen

R Reiner Marie Rilke Reiner Marie Rilke
0 Altın Yaprak
I MEIN Herz gleicht der vergessenen Kapelle; auf dem Altare prahlt ein wilder Mai. Der Sturm, der übermütige Geselle, brach längst die kleinen Fenster schon entzwei; er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei und zerrt dort an der Ministrantenschelle. Der schrillen Glocke zager Sehnsuchtsschrei ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle den arg erstaunten fernen Gott herbei. Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle und schmettert an den Fliesen sie entzwei. Und arme Wünsche knien in langer Reih vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle. Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei. II ICH denke an: Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, drin Hahngekräh; und dieses Dörfchen verloren gegangen im Blütenschnee. Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen ein kleines Haus; ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen verstohlen heraus. Rasch auf die Türe, die angelheiser um Hilfe ruft, – und dann in der Stube ein leiser, leiser Lavendelduft … III MIR ist: ein Häuschen wär mein eigen; vor seiner Türe säß ich spät, wenn hinter violetten Zweigen bei halbverhalltem Grillengeigen die rote Sonne sterben geht. Wie eine Mütze grünlich-samten steht meinem Haus das moosge Dach, und seine kleinen, dickumrammten und blankverbleiten Scheiben flammten dem Tage heiße Grüße nach. Ich träumte, und mein Auge langte schon nach den blassen Sternen hin, – vom Dorfe her ein Ave bangte, und ein verlorner Falter schwankte im schneeig schimmernden Jasmin. Die müde Herde trollte trabend vorbei, der kleine Hirte pfiff, – und in die Hand das Haupt vergrabend, empfand ich, wie der Feierabend in meiner Seele Saiten griff. IV EINE alte Weide trauert dürr und fühllos in den Mai, – eine alte Hütte kauert grau und einsam hart dabei. War ein Nest einst in der Weide, in der Hütt ein Glück zu Haus; Winter kam und Weh, – und beide blieben aus … V DIE Rose hier, die gelbe, gab gestern mir der Knab, heut trag ich sie, dieselbe, hin auf sein frisches Grab. An ihren Blättern lehnen noch lichte Tröpfchen, – schau! Nur heute sind es Tränen, – und gestern war es Tau … VI WIR saßen beisammen im Dämmerlichte. „Mütterchen“, schmeichelte ich, „nicht wahr, du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte von der Prinzessin mit goldnem Haar?“ – Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau; und von der schönen Prinzessin die Sage weiß sie wie Mütterchen ganz genau … VII ICH wollt, sie hätten statt der Wiege mir einen kleinen Sarg gemacht, dann wär mir besser wohl, dann schwiege die Lippe längst in feuchter Nacht. Dann hätte nie ein wilder Wille die bange Brust durchzittert, – dann wärs in dem kleinen Körper stille, so still wie’s niemand denken kann. Nur eine Kinderseele stiege zum Himmel hoch so sacht, – ganz sacht … Was haben sie mir statt der Wiege nicht einen kleinen Sarg gemacht? – VIII JENE Wolke will ich neiden, die dort oben schweben darf! Wie sie auf besonnte Heiden ihre schwarzen Schatten warf. Wie die Sonne zu verdüstern sie vermochte kühn genug, wenn die Erde lichteslüstern grollte unter ihrem Flug. All die goldnen Strahlenfluten jener Sonne wollt auch ich hemmen! Wenn auch für Minuten! Wolke! Ja, ich neide dich! IX MIR ist: Die Welt, die laute, kranke, hat jüngst zerstört ein jäh Zerstieben, und mir nur ist der Weltgedanke, der große, in der Brust geblieben. Denn so ist sie, wie ich sie dachte; ein jeder Zwiespalt ist vertost: auf goldnen Sonnenflügeln sachte umschwebt mich grüner Waldestrost. X WENN das Volk, das drohnenträge, trabt den altvertrauten Trott, möcht ich weiße Wandelwege wallen durch das Duftgehege ernst und einsam wie ein Gott. Wandeln nach den glanzdurchsprühten Fernen, lichten Lohns bewußt; – um die Stirne kühle Blüten und von kinderkeuschen Mythen voll die sabbatstille Brust. XI WEISS ich denn wie mir geschieht? In den Lüften Düftequalmen und in bronzebraunen Halmen ein verlornes Grillenlied. Auch in meiner Seele klingt tief ein Klang, ein traurig-lieber, – so hört wohl ein Kind im Fieber, wie die tote Mutter singt. XII SCHON blinzt aus argzerfetztem Laken der holde, keusche Götternacken der früherwachenden Natur, und nur in tiefentlegnen Talen zeigt hinter violetten, kahlen Gebüschen sich mit falschem Prahlen des Winters weiße Sohlenspur. Hin geh ich zwischen Weidenbäumen an nassen Räderrinnensäumen den Fahrweg, und der Wind ist mild. Die Sonne prangt im Glast des Märzen und zündet an im dunkeln Herzen der Sehnsucht weiße Opferkerzen vor meiner Hoffnung Gnadenbild. XIII FAHLGRAUER Himmel, von dem jede Farbe bange verblich. Weit — ein einziger lohroter Strich wie eine brennende Geißelnarbe. Irre Reflexe vergehn und erscheinen. Und in der Luft liegts wie ersterbender Rosenduft und wie verhaltenes Weinen … XIV DIE Nacht liegt duftschwer auf dem Parke, und ihre Sterne schauen still, wie schon des Mondes weiße Barke im Lindenwipfel landen will. Fern hör ich die Fontäne lallen ein Märchen, das ich längst vergaß, – und dann ein leises Apfelfallen ins hohe, regungslose Gras. Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel und trägt durch alte Eichenreihn auf seinem blauen Falterflügel den schweren Duft vom jungen Wein. XV IM Schoß der silberhellen Schneenacht dort schlummert alles weit und breit, und nur ein ewig wildes Weh wacht in einer Seele Einsamkeit. Du fragst, warum die Seele schwiege, warum sies in die Nacht hinaus nicht gießt? – Sie weiß, wenns ihr entstiege, es löschte alle Sterne aus. XVI ABENDLÄUTEN. Aus den Bergen hallt es wieder neu zurück in immer mattern Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern von dem grünen Talgrund her, ein kaltes. In den weißen Wiesenquellen lallt es wie ein Stammeln kindischen Gebetes; durch den schwarzen Tannenhochwald geht es wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes. Durch die Fuge eines Wolkenspaltes wirft der Abend rote Blutkorallen nach den Felsenwänden. – Und sie prallen lautlos von den Schultern des Basaltes. XVII WELTENWEITER Wandrer walle fort in Ruh … also kennt kein andrer Menschenleid wie du. Wenn mit lichtem Leuchten du beginnst den Lauf, schlägt der Schmerz die feuchten Augen zu dir auf. Drinnen liegt – als riefen sie dir zu: Versteh! – tief in ihren Tiefen eine Welt voll Weh … Tausend Tränen reden ewig ungestillt, und in einer jeden spiegelt sich dein Bild! XVIII MÖCHTE mir ein blondes Glück erkiesen; doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen. – Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen, und der Abend blutet in die Buchen. Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen … Und die ersten Sterne kommen wieder und die Träume, die so traurig machen. XIX VOR mir liegt ein Felsenmeer, Sträucher, halb im Schutt versunken, Todesschweigen. – Nebeltrunken hangt der Himmel drüber her. Nur ein matter Falter schwirrt rastlos durch das Land, das kranke … Einsam, wie ein Gottgedanke durch die Brust des Leugners irrt. XX DIE Fenster glühten an dem stillen Haus, der ganze Garten war voll Rosendüften. Hoch spannte über weißen Wolkenklüften der Abend in den unbewegten Lüften die Schwingen aus. Ein Glockenton ergoß sich auf die Au … Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken. Und heimlich über flüstervollen Birken sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken ins blasse Blau. XXI ES gibt so wunderweiße Nächte, drin alle Dinge Silber sind. Da schimmert mancher Stern so lind, als ob er fromme Hirten brächte zu einem neuen Jesuskind. Weit wie mit dichtem Demantstaube bestreut, erscheinen Flur und Flut, und in die Herzen, traumgemut, steigt ein kapellenloser Glaube, der leise seine Wunder tut. XXII WIE eine Riesenwunderblume prangt voll Duft die Welt, an deren Blütenspelze, ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, die Mainacht hangt. Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt … Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter, nach Morgen, wo aus feuerroter Aster er Sterben trinkt … XXIII WIE, jegliches Gefühl vertiefend, ein süßer Drang die Brust bewegt, wenn sich die Mainacht, sternetriefend, auf mäuschenstille Plätze legt – Da schleichst du hin auf sachter Sohle und schwärmst zum blanken Blau hinauf, und groß wie eine Nachtviole geht dir die dunkle Seele auf … XXIV O gäbs doch Sterne, die nicht bleichen, wenn schon der Tag den Ost besäumt; von solchen Sternen ohnegleichen hat meine Seele oft geträumt. Von Sternen, die so milde blinken, daß dort das Auge landen mag, das müde ward vom Sonnetrinken an einem goldnen Sommertag. Und schlichen hoch ins Weltgetriebe sich wirklich solche Sterne ein, – sie müßten der verborgnen Liebe und allen Dichtern heilig sein. XXV MIR ist so weh, so weh, als müßte die ganze Welt in Grau vergehn, als ob mich die Geliebte küßte und spräch: Auf Nimmerwiedersehn. Als ob ich tot wär und im Hirne mir dennoch wühlte wilde Qual, weil mir vom Hügel eine Dirne die letzte, blasse Rose stahl … XXVI MATT durch der Tale Gequalme wankt Abend auf goldenen Schuhn, – Falter, der träumend am Halme hangt, weiß nichts vor Wonne zu tun. Alles schlürft heil an der Stille sich. – Wie da die Seele sich schwellt, daß sie als schimmernde Hülle sich legt um das Dunkel der Welt. XXVII EIN Erinnern, das ich heilig heiße, leuchtet mir durchs innerste Gemüt, so wie Götterbildermarmorweiße durch geweihter Haine Dämmer glüht. Das Erinnern einstger Seligkeiten, das Erinnern an den toten Mai, – Weihrauch in den weißen Händen, schreiten meine stillen Tage dran vorbei … XXVIII GLAUBT mir, daß ich, matt vom Kranken, keinen lauten Lenz mehr mag, – will nur einen sonnenblanken, wipfelroten Frühherbsttag. Will die Lust, die jubelschrille, nicht mehr in die Brust zurück, – will nur Sterbestubenstille drinnen – für mein totes Glück.

Kamu malı: şairin ölümünün üzerinden 70 yıldan fazla geçti.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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