Das rothe Jahr

R Rudolf Lavant
0 Altın Yaprak
Wenn einer Wahlschlacht Abend naht, Und Licht auf Licht sich still entzündet, Und wenn elektrisch dann der Draht Dem Reiche unsre Siege kündet, Wenn sie verblüfft, bestürzt und blaß Von Hand zu Hand das Blatt sich reichen, Wenn sie mit einem: „Es ist kraß!“ Die schlimmen Ziffern stumm vergleichen, Wenn man sich tief bekümmert sagt, Kopfschüttelnd und mit leisem Grauen, Daß es nun doch mit Schrecken tagt Auch in bisher „immunen“ Gauen, Wenn man sich seufzend eingesteht, Daß auf dem letzten Loch man blase, Da es rapid zu Ende geht Mit der bewährten Macht der Phrase, Wenn man sich sagt mit bleichem Mund, Daß nirgends unser Vormarsch stocke, Und daß vom Ofen keinen Hund Man länger mit Tiraden locke, Dann schwillt das Herz uns in der Brust, Als ob es keinen Platz mehr fände, Dann drücken wir uns selbstbewußt In frohem Stolz die Bruderhände, Dann nennen unser Kämpferloos, Wennschon ein Tag für Tag bedrohtes, Wir opferfreudig schön und groß, Dann nennen wir das Jahr ― . Wir haben manches solche Jahr Und keine Zeit macht sie zu nichte, Denn jedes dieser Jahre war Ein Markstein in der Weltgeschichte. Und ein gewaltig Echo fand Der Donner jedes rothen Jahres Vom Rewa- und vom Dünastrand Bis an den Strand des Manzanares, Und in Sibiriens Wüsteneien Erfüllte Herzen er mit Wonne, Wie unterm goldnen Sonnenschein Des Weingeländs an der Garonne. Ein jeder Sieg der Vorderhut Entzündet ja der Hoffnung Kerzen Und füllt mit Zuversicht und Muth Gebeugte und verzagte Herzen; Von Land zu Land, von Meer zu Meer Berauschten, stählten und entzückten Mit einem Schlage wir das Heer Der Duldenden, der Unterdrückten. Nicht uns allein galt unsre That, Nicht eignes Heil war unser Trachten ― Für’s ganze Proletariat Schlug Deutschland die Befreiungsschlachten. Und nun ― uns allen sei es klar! ― Nun steht erwartungsvoll die Erde Und fragt, ob dieses nächste Jahr Für alle Welt ein rothes werde. Und was da mannhaft fühlt und frei, Das hält den Blick auf uns gewendet, Das will, daß neunzehnhundertdrei Ein prächt’ges Zorngewitter spendet, Das hofft auf einen Siegestag, Vor dem die frühern all verblassen, Das hofft auf einen Keulenschlag Von Seiten der empörten Massen, In denen jeden Tropfen Blut Der von der blinden Gier entfachte Maßlose Junkerübermuth Und Junkerhohn zum Sieden brachte. Und soll das Volk für alle Welt Zum Gegenstand des Spottes werden, Das zwischen Bodensee und Belt Sich wappnet heut‘ mit Zorngeberden? Soll’s etwa heißen immerdar Bei allen Völkern in der Runde, Daß Deutschland doch nicht würdig war Der unerhörten Gunst der Stunde? Daß wir nicht so, wie wir gemußt, Genutzt den ekelhaften Schacher, Daß wir zu treffen nicht gewußt In’s Herz des Volkes Widersacher? Doch nur getrost! Wir werden nicht Die rothen Fahnen selbst zerfetzen; Wir werden treu erkannter Pflicht An Alles mannhaft Alles setzen; Wir wissen, daß zum Sieg es geht, Daß wir die Junkersippe fällen Und daß das rothe Banner weht Am Abend von erstürmten Wällen. Wohlauf denn, Landsturm der Partei! Ihr Kämpfer für des Volkes Rechte, Zersprengt mit einem Racheschrei Den Horst der Dränger und der Knechte, Macht ihren räuberischen Troß, Den alten Fluch der deutschen Lande, Macht siegend ihn mit Mann und Roß An einem Schicksalstag zu Schande, Und sorgt, daß neunzehnhundertdrei Für unsre kampferprobten Schaaren Das glänzendste und schönste sei Von all den stolzen rothen Jahren! R. Lavant.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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