Mai-Feier

R Rudolf Lavant
0 Altın Yaprak
Sie sagen stets, daß wir zu viel verlangen, Daß wir das Letzte, Aeußerste erstreben, Daß wir von jeher viel zu weit gegangen ― Wann aber hätten sie von selbst gegeben? Wann hätten sie das Kleinste zugestanden, Bevor die Furcht, das Grauen sie gezwungen, Und welcher Schritt, den viel zu kurz wir fanden, Ward ihnen nicht im Kampfe abgerungen? Und wenn sie widerwillig sich entschlossen, Empor zu steigen auf der hohen Leiter, Um eine einz’ge ihrer vielen Sprossen, Hieß es nicht stets: „Bis hierher und nicht weiter?“ Hat man nicht stets durch tausend Söldnerfedern Den winz’gen Schritt begeistert feiern lassen, Als wäre abgedroschen nun und ledern Das herbe Thema von der Noth der Massen? Wann sollten wir als Gnade nicht empfangen Mit nassen Augen und gekrümmtem Rücken, Was wir unbeugsam als ein Recht verlangen, Das die Natur verbrieft in allen Stücken? Wann fanden jemals des Besitzes Haltung Anders als kleinlich wir, beschränkt und kläglich? Wann nannte je des Volkes Machtentfaltung Anders als schädlich er und unerträglich? Wann schauten sie auf uns und unsre Sorgen Mit andern als mit „indignirten“ Blicken? Wann hätten sie den argen Wunsch verborgen, Den „frechen Trotz“ in Herzblut zu ersticken? Wann war das stumme Schmachten zu verkennen, Auf ihren Knieen den Heros anzubeten Und zum Gesittungsretter zu ernennen, Der unsre Fahne in den Koth getreten? Wann sickerte sie nicht aus allen Poren, Die Lust, dem Volke seine unbequemen, Fatalen Rechte, die sie mitbeschworen, Arg zu verstümmeln oder ganz zu nehmen? Und wo’s geschah, sei es im deutschen Lande, Sei’s in der Fremde ― ließ im Ueberwallen Der Herzensfreude da die ganze Bande Nicht beifallklatschend ihre Maske fallen? Doch wenn es gilt, für unser Wohl zu wirken, Erhebt sich nicht in Parlament und Kammern, Ein Echo weckend in den Wahlbezirken, Ein thränenreiches, heuchlerisches Jammern, Als ob ein Hunnen- und Vandalenwüthen, Mit plumpem Schwerte und mit rother Lohe Auf dieser Erde alle Wunderblüthen Moderner Bildung zu vernichten drohe? Mit solchen Gegnern muß man deutlich reden Und nicht zu zaghaft sein und zu bescheiden, Ist krampfhaft doch ihr streben, einen jeden, Und sei’s der zahmste, Fortschritt zu beschneiden. Drum wird vom Volke, das sei nach Belieben Schon viel zu lang gehudelt und geschunden, Den Knirschenden für künftig vorgeschrieben: „Nicht zehn, nicht neun, nur noch ― acht Arbeitsstunden!“ R. L.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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