Hellas (Die Gartenlaube 1880/14)

E Ernst Ziel
0 Altın Yaprak
Schön und farbenreich vor meiner Seele Steigt die Griechenwelt empor, Wo mit sanfter, liederreicher Kehle In Cypressenhainen Philomele Wundersüß berauscht des Lauschers Ohr. Dort durch’s Laubenthor Leitet des Ilissos Schattenwellen Kühl und ölbewaldet der Hymett, Bis sie unter reizenden Gefällen Thalwärts rauschen in ein sonnig Bett Und auf düftereichen Blumenstrecken Gleiten durch die Marmorbecken. Auf den Lorbeerhöhen welch ein Wallen, Welch ein Pilgern thalentlang! Zu des Isthmos heil’gen Tempelhallen Ziehn die Völker – horch! die Haine schallen Rings von dithyrambischem Gesang: Evoëenklang Taumelt, halb gejubelt, halb gesungen, In die lauen Lüfte, immerdar Wie ein Echo der Begeisterungen Folgend der bekränzten Griechenschaar, Bis die Stämme sich am Wanderziele Mischen in die Völkerspiele. Herrlich durch die isthmischen Gefilde Stäubt der stolze Wagenstreit, Und die Schwerter schlagen an die Schilde, Doch der Stärke einigt sich die Milde, Holde Schönheit sich der Tapferkeit: Herzen werden weit, Da für menschlich edele Gedanken, Für die Freiheit, göttergleich und rein, Da ein hoher Dichter in die Schranken Tritt für seines Herzens Meinung ein, Da dem Sophokles die Völker lauschen Und des Pindar Hymnen rauschen. Heimwärts zieht auf des Triumphes Pfaden Lorbeerfroh der Sieger dann, Bis wo ihn in schattige Arcaden Glanzdurchwobne Ehrenfeste laden, Welche zarte Liebe ihm ersann. Hoch im Viergespann Rauscht er durch die laubgeschmückten Thore In des Ruhmes Morgenlicht daher Und das Volk grüßt ihn im Jubelchore, Und die Freude wogt, ein brausend Meer, Und es reichen ihm des Kranzes Spende Schlanke, weiße Jungfraunhände. – Ach! und diese lichte Völkerblüthe Welkte hin im Sturm der Zeit; Schon vom Hämos drohete der Scythe – Hellas’ letzte Abendröthe glühte; Hellas hüllte sich in’s Sterbekleid; Denn im Bruderstreit Tobten schrecklich seines Leibes Glieder, Noch im Wahnsinn groß und heldenstark; Wilder Zwietracht heiß gehetzte Hyder Mästete sich am Heroenmark, Und die Völker drängten auf einander –: Philipp zeugte Alexander. Weithin dampfend färbt die Griechenerde Sich vom Blut der Söhne roth; Vor dem Sieger, eine Söldnerheerde, Liegen sie mit sclavischer Geberde: Griechenruhm, der edle Held, ist todt. Ach, kein Opfer loht, Keine Hekatombe an der Bahre, Die verlassen auf Ruinen steht, Und kein Priester spricht im Festtalare Für den hehren Todten ein Gebet: Ueppig thronen, wo sonst Dichter sannen, Macedonische Tyrannen.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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