Die Senne

L Ludwig Altenbernd
0 Altın Yaprak
Hier ist der Ort, die alte Stätte, Wo auf der Haide dürrem Sand Vor langer Zeit mein Wiegenbette Im engen Vaterhause stand. Das Vaterhaus! – von dieser Stelle Längst schwand es in der Jahre Lauf, Und gastlich nimmt die fremde Schwelle, Das fremde Dach, den Wandrer auf. Auf dieser Flur, so öd’ und stille, Sang, als der lange Winter schied, Die Haidelerche und die Grille Dem Knaben einst das Wiegenlied. Ich mein’, ich müßt’ ihn heut noch hören, Den Nachtwind, in den Wipfeln hoch, Wie durch die Birken und die Föhren Er wunderseltsam rauschend zog. Es klang, es sang wie leises Klagen, Daß sie noch lag, wenn rings die Au Sich schmückte in den Maientagen, Im Alltagskleide, Grau in Grau; Daß sie, gemieden und vergessen, Das blöde Stiefkind der Natur, Im Winkel stand, wenn unterdessen So bräutlich lachten Wies’ und Flur. Da wob, als längst der Mai verglühte Der Sommer ihr das Hochzeitskleid, Flocht ihr in’s Haar die Haideblüthe, Und schön in ihrer Dürftigkeit, Der Armuth Kind im schlichten Kleide Bestrickt sie dich, du weißt nicht, wie. Das ist die Poesie der Haide, Der stillen Senne Poesie. – Es raucht kein Schlot auf dieser Fläche, Hier schimmert nicht der Oefen Licht; Es frohnen Dampf und Mühlenbäche Und laute Hammerwerke nicht. Hier frohnt der Mensch mit seinem Arme, Vom Frühroth bis der Abend graut, Schier unermüdlich, gleich dem Schwarme Der Bienen hier im Haidekraut. Fern von der Straße, die der volle, Der breite Strom des Lebens rollt, Hängt er an seiner dürren Scholle Und nimmt gelassen, was sie zollt: Des Feldes karg gemessne Gaben, Den Bienenfleiß der Sommerzeit; Zufrieden, wenn gefüllt die Waben Und wenn die Knollenfrucht gedeiht. – Schon früh in meiner Kindheit Tagen Hat mich von hier mein Lebensloos – Ich dank es ihm! – hinweggetragen In reichgeschmückter Fluren Schooß; Wo mit den fruchtbeladnen Auen Sich mischen Wald und Wiesengrün; Wo Heerden läuten, Berge blauen Und silberhelle Bäche ziehn. Da trank ich an dem frischen Borne Der vielbewegten Gegenwart Und nahm, was in gefülltem Horne Mir Lieb’ und Leben aufgespart. Die neue Zeit mit mächt’gen Schwingen, Dem Großen, was sie angestrebt, Hab’ ich gesehn in ihrem Ringen Und mitgefühlt und mitgelebt: Und dennoch – mitten in der Fülle Des Lebens oft und der Natur, Zieht’s wie ein Heimweh mich zur Stille, Zum Frieden dieser Haideflur. So kreis’t die Schwalbe um’s Gemäuer, Wenn heimwärts sie vom reichern Süd Zum alten Nest an alter Scheuer Am sonn’gen Frühlingstage zieht.

Metnin kaynağı: Kamu malı arşiv

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